Am 20. und 21. August 2026 trafen sich rund 250 Museumsfachleute aus der Schweiz und Liechtenstein in Vaduz zum Jahreskongress der Schweizer Museen von VMS und ICOM Schweiz. Unter dem Motto "Das lernende Museum: Gemeinsam Zukunft gestalten. Reflektieren. Lernen. Wirken." stand zwei Tage lang die Frage im Zentrum, wie sich Museen als Organisationen weiterentwickeln müssen, um gegenüber ihrem Publikum, ihren Mitarbeitenden und der Gesellschaft insgesamt lernfähig zu bleiben.
Dieser Kongress zum Thema lernendes Museum war wie gemacht für das Digital Museum of Learning.
Ein Museum retten heisst, den Dialog nicht abreissen zu lassen
Der Kongress begann mit dem Vortrag "Wie man ein Museum rettet – und warum das wichtig ist" von Pascal Hufschmid, der seit 2019 das Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum in Genf leitet.
Wir waren beeindruckt davon, wie dieser Vortrag den offenen und kollaborativen Ton für den gesamten Kongress vorgab. Ausgehend von seiner eigenen Erfahrung erklärte Hufschmid mit viel Klarheit, dass ein Museum zu "retten" nicht in erster Linie bedeutet, Budgets zu sichern oder die Besucherzahlen zu steigern, sondern die Verbindungen zwischen der Institution, der Fachwelt und der Gesellschaft lebendig zu halten. Gerade eine Institution, die sich der humanitären Geschichte widmet, zeigt eindrücklich, wie eng Relevanz und Dialogfähigkeit miteinander verbunden sind.

Inklusion heisst, die Perspektive tatsächlich zu wechseln
Im Format "Experience: Zugänglichkeit und Inklusion erleben: Ein Perspektivenwechsel vor Ort" führte Sara Stocker Steinke, Pionierin für Inklusion im Kulturbereich, durch die Session.
Statt Inklusion als Checkliste abzuhaken (Rampe vorhanden, Audioguide vorhanden, usw.), wurde die Erfahrung von Teilnehmenden geleitet, die diese Barrieren im Alltag erleben. So wurde sehr konkret spürbar, wo Barrieren tatsächlich entstehen. Die Diskussion konzentrierte sich auf den physischen Raum von Ausstellungen. Für uns vom Digital Museum of Learning hat es Priorität, die Besonderheiten von Zugänglichkeit in der digitalen Vermittlung mitzudenken. Das ist ein zentrales Thema in der Planung unserer nächsten Ausstellung.

Kollaborativ lernen, schon im Kleinkindalter
Was passiert, wenn eine Kunstausstellung zu einem Spielplatz für Kinder von 0 bis 4 Jahren wird?
In der Keynote "Was wir mit 'kollabor' lernen" stellte Susanne Kudorfer, seit 2020 Leiterin der Kunstvermittlung im Kunstmuseum Liechtenstein, das Projekt "kollabor" vor: einen Kunst- und Erfahrungsraum in Vaduz. Der von aussen einsehbare Seitenlichtsaal weckt Neugier und schafft einen öffentlichen Raum, in dem Kinder Kunst unmittelbar und mit allen Sinnen erfahren können.
Von Dan Petermans Installation Civilian Defense Vaduz (2023), die aus 1000 mit Sand gefüllten Stoffsäcken besteht und als begehbarer Schutz- und Begegnungsraum dient, bis zur offen bespielbaren Installation CaccHho CucchhA von Mercedes Azpilicueta können alle ausgestellten Werke von Kleinkindern mit Händen, Füssen und allen Sinnen erkundet werden.
Besonders spannend fanden wir die Vorstellung, dass Museen von Spielplätzen lernen können: Kunst kann nicht nur betrachtet werden, sondern auch spielerisch, körperlich und ohne sprachliche Barrieren erkundet werden.

Reibung als Lernmoment – Museen im Dialog mit Communitys
Im Podiumsgespräch und den anschliessenden Diskussionsrunden ging es um die Frage, was passiert, wenn sich Museen öffnen und in den Dialog mit ihrer Community treten. Besonders inspirierend fanden wir die Aussage von Yasmin Naderi, Co-Direktorin des Migros Museum für Gegenwartskunst, dass das Museum nicht für, sondern mit dem Publikum arbeitet. Dadurch rückt nicht immer nur das fertige Kunstwerk in den Fokus, sondern oft auch der gemeinsame Entstehungsprozess.
Unterstützung bei diesem partizipativen Prozess zwischen der Bevölkerung und den Kunstschaffenden bietet die Initiative "Auftraggeber:innen Schweiz". Sie ermöglicht es Gruppen von Bürgerinnen und Bürgern, zeitgenössische Kunstprojekte für ihr direktes Lebensumfeld in Auftrag zu geben, um soziale oder gesellschaftliche Herausforderungen anzugehen.
Aus dieser Runde nehmen wir viele inspirierende Ideen und Denkanstösse für partizipative Projekte mit. Deutlich wurde aber auch, dass die grösste Herausforderung solcher Projekte oft der Faktor Zeit ist: Beteiligung braucht Zeit, Vertrauen und Raum für gemeinsame Entwicklungen.

Ausstellungen reflektieren. Vom Steckbrief bis zu Review: Lernen im Schweizerischen Nationalmuseum
Dr. Luca Tori, stellvertretender Chefkurator und Leiter Kuratorium 1, sowie Christina Tschopp, Leiterin Unternehmensentwicklung & Innovation, zeigten auf, wie das Schweizerische Nationalmuseum Ausstellungen kuratiert, reflektiert und im Sinne eines lernenden Museums kontinuierlich weiterentwickelt.
Dafür hat das Museum ausgewählte Elemente aus SCRUM in seine Arbeitsweise integriert. Dazu gehören die regelmässigen "Retros", kurze, nach innen gerichtete Reviews, in denen Teams bewusst zurückblicken und Erkenntnisse festhalten, die in die nächste Projektphase einfliessen. Als Reflexionsstruktur nutzen sie das Format "I like, I wish, I wonder". Damit können Erfolge sichtbar gemacht, Verbesserungsmöglichkeiten identifiziert und neue Perspektiven eröffnet werden.
Besonders charmant fanden wir den pragmatischen Ansatz des Schweizerischen Nationalmuseums: Das Team hat nicht versucht, seine etablierten Prozesse komplett umzukrempeln. Stattdessen wurden gezielt einzelne Werkzeuge und Methoden aus SCRUM und Design Thinking übernommen, dort, wo sie einen konkreten Mehrwert bieten. Dieses Motto, das uns während der Tagung immer wieder begegnete, bringt es gut auf den Punkt: "Es muss nicht perfekt sein. Hauptsache, man fängt an".
Ein lernendes Museum braucht den Mut, Neues auszuprobieren. Entscheidend ist jedoch, nicht beim Ausprobieren stehen zu bleiben, sondern daraus auch systematisch zu lernen.
60 Jahre VMS und ein Blick ins Jahr 2046
Zum Abschluss der Tagung wagte Carine Bachmann, Direktorin Bundesamt für Kultur BAK, einen Blick in die Zukunft der Museen und stellte die Frage: Was zeigen wir, für wen, mit wem und warum?
Für das Publikum standen im Jahr 2046 Werte wie Partizipation, Inklusion, Offenheit, gesellschaftliche Relevanz, Begegnung und freier Zugang im Zentrum. Auch künftig werden Museen sammeln, bewahren, erforschen, einordnen und vermitteln. Gleichzeitig müssen sie ihr kulturelles Erbe immer wieder neu interpretieren und dessen Bedeutung für die Gegenwart aushandeln.
Deutlich wurde auch, wie wichtig kulturelle Souveränität ist. Die Schweiz muss sich kontinuierlich fragen, was sie als schützenswert erachtet, und dabei den kulturellen Reichtum aller Regionen im Blick behalten.
Zum Abschluss äusserte Gesa Schneider vom Museum Allerheiligen den Wunsch, dass Museen durchlässiger werden und sich von Festungen zu Orten der Neugier entwickeln. Dazu gehört, sich zu öffnen und gemeinsam mit der Bevölkerung gesellschaftlich relevante Themen zu erkunden und kritisch zu diskutieren. Denn Museen sind mehr als Archive der Vergangenheit. Sie sind auch Orte, die Fragen stellen, bevor die Antworten feststehen.
In Zeiten von Desinformation, Zensur, Krieg und Wirtschaftskrisen kommt Museen eine wichtige Rolle zu: das kritische Denken und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.



Was wir mitnehmen
Zwei Tage, viele Erfahrungen und ein gemeinsamer roter Faden: Museen lernen dort am meisten, wo sie den Dialog mit ihrem Publikum, mit Communities und innerhalb der Fachcommunity ernst nehmen.
Für das Digital Museum of Learning ist die Charta des "Lernenden Museums" ein spannender neuer Anknüpfungspunkt. Wir teilen die Werte und Vision der Initiative und überlegen uns, Teil dieses Netzwerks zu werden.
In gewisser Weise sind wir ein Museum, dem Flügel gewachsen sind. Obwohl wir mit dem Johann Jacobs Museum ein physisches Zuhause haben, entstehen unsere Angebote und Begegnungen vor allem online. Seit unserem Start im Jahr 2022 haben wir experimentiert, evaluiert, Kurskorrekturen vorgenommen und unsere eigenen Annahmen immer wieder hinterfragt.
Was bedeutet es, ein digitales Museum zu sein? Welche Geschichten sprechen Kinder über kulturelle Grenzen hinweg an? Was heisst Partizipation, wenn sich eine Museumsgemeinschaft über den ganzen Globus erstreckt?
Diese und viele weitere Fragen beschäftigen uns. Umso mehr freuen wir uns darauf, gemeinsam mit anderen Museen weiter zu experimentieren, zu wachsen und zu lernen. Denn ein Museum des Lernens zu sein bedeutet auch, selbst lernfähig zu bleiben.

