Warum jedes Kind anders lernt: Im Gespräch mit Barbara Pape
Das Digital Museum of Learning hat mit der Forscherin und Lehrperson Barbara Pape gesprochen. Sie erklärt, wie sich Erkenntnisse aus der Forschung zur Lernvariabilität in praktische Werkzeuge für Lehrpersonen übersetzen lassen. Wir haben sie gefragt, was jede Lehrperson und jedes Kind über dieses Thema wissen sollte, welche Herausforderungen bei der Umsetzung im Unterricht entstehen und wie sie die Zusammenarbeit an unserer Geschichte „Gestalte einen Roboter, der lernt wie du!“ erlebt hat.

Im Gespräch mit Barbara Pape: Expertin für Lernvariabilität
Barbara Pape ist ehemalige Lehrerin der Sekundarstufe. Sie arbeitete viele Jahre für die American Federation of Teachers und das National Board for Professional Teaching Standards. Danach leitete sie das Learner Variability Project bei Digital Promise. Sie gründete das Center for Belonging and Learning und besitzt einen Master of Education der Harvard Graduate School of Education. Zurzeit promoviert sie am UCL Institute of Education.
Barbara Pape hat unsere Geschichte mit ihrer Expertise im Bereich der Lernvariabilität fachlich begleitet.

Kannst du in einfachen Worten erklären, was Lernvariabilität bedeutet?
Lernvariabilität bedeutet, dass es keine „typischen“ oder „durchschnittlichen“ Lernenden gibt. Jede Schülerin und jeder Schüler bringt eine einzigartige Mischung aus Stärken, Herausforderungen, Erfahrungen und Lernweisen mit. Diese Unterschiede sind keine Ausnahme. Sie sind die Regel.
Lernvariabilität lässt sich auch am Bild eines Eisbergs erklären. Meist sehen wir nur die Spitze: Ein Kind passt nicht auf, schläft im Unterricht ein oder lenkt andere ab. Lernvariabilität bedeutet, unter die Oberfläche zu schauen und zu verstehen, warum sich ein Kind so verhält.
Statt zu fragen, warum manche Kinder nicht in ein bestimmtes Schema passen, fordert uns das Konzept der Lernvariabilität dazu auf, dieses Schema selbst zu hinterfragen.

Was wünschst du dir, dass jede Lehrperson oder jedes Kind über Lernvariabilität versteht?
Ich wünsche mir, dass jede Lehrperson versteht: Das Kind, das am schwierigsten zu erreichen scheint, ist oft das Kind, das am meisten darum kämpft, wahrgenommen zu werden. Lernvariabilität zeigt uns, dass Schwierigkeiten nur selten mit mangelnder Anstrengung oder fehlenden Fähigkeiten zu tun haben. Meist geht es darum, dass etwas nicht gut zusammenpasst.
Wenn ein Kind nicht sein Potenzial entfalten kann, sollte die erste Frage nicht lauten: „Was stimmt mit diesem Kind nicht?“ Viel wichtiger ist die Frage: „Was braucht dieses Kind, das wir ihm bisher noch nicht geben konnten?“
Umgekehrt wünsche ich mir, dass jedes Kind weiss: Dein Gehirn ist einzigartig, genau so, wie es ist. Vielleicht musst du dich bewegen, um gut denken zu können. Vielleicht erkennst du Muster, die anderen entgehen. Vielleicht brauchst du etwas mehr Zeit, um Informationen zu verarbeiten, denkst dafür aber besonders gründlich nach. All das sind Stärken, und du kannst dein Potenzial entfalten.
Jedes Kind sollte seine eigenen Arten zu lernen kennen und lernen, sich für Lernumgebungen und Lernstrategien einzusetzen, die zu ihm passen.
Welche Herausforderungen erleben Lehrpersonen, wenn sie Lernvariabilität im Unterricht umsetzen möchten?
Lehrpersonen setzen sich mit grossem Engagement für ihre Schülerinnen und Schüler ein. Gleichzeitig macht es das Bildungssystem oft schwer, die Erkenntnisse der Lernforschung im Alltag umzusetzen. Die Herausforderungen sind vielschichtig.
Der Mythos vom „Durchschnitt“ ist tief verankert. Viele Lehrpersonen wurden in Systemen ausgebildet, die von einer vermeintlich typischen Schülerin oder einem typischen Schüler ausgehen. Dieses Denken abzulegen und stattdessen Vielfalt als Normalität anzuerkennen, braucht Zeit und Unterstützung durch Schulen und andere Institutionen. Doch genau diese Unterstützung fehlt oft.
Die Forschung ist umfangreich und schwer zu überblicken. Von Lehrpersonen wird oft erwartet, dass sie wissenschaftliche Erkenntnisse in ihren Unterricht einbinden, ohne dabei ausreichende Unterstützung zu erhalten. Genau deshalb sind Werkzeuge wie der Learner Variability Navigator so wichtig. Sie schlagen eine Brücke zwischen Forschung und Praxis.
Zeit und Ressourcen sind eine ständige Herausforderung. Unterricht auf unterschiedliche Lernbedürfnisse abzustimmen erfordert Planung, Flexibilität und oft zusätzliche Materialien. Gerade an Schulen mit wenigen Ressourcen, an denen die Vielfalt der Lernenden häufig am grössten ist, fehlen dafür oft die nötigen Voraussetzungen.
Nicht zuletzt betrachten viele Bildungssysteme Unterschiede zwischen Lernenden noch immer als Probleme, die behoben werden müssen, statt sie als Ausgangspunkt für die Gestaltung von Unterricht zu sehen. Ein stärkenorientierter Blick auf Neurodiversität bedeutet deshalb nicht nur eine pädagogische, sondern auch eine kulturelle Veränderung.
Die gute Nachricht ist: Wenn Lehrpersonen die passenden Werkzeuge, die richtige Sprache und ein unterstützendes Netzwerk erhalten um Lernvariabilität zu berücksichtigen, verändert das oft nicht nur ihren Unterricht, sondern auch ihren Blick auf die Kinder.
Was hat dich dazu motiviert, dich mit Lernvariabilität zu beschäftigen? Und wie wirkt sich die Forschung deiner Erfahrung nach in der Praxis auf Lehrpersonen und Kinder aus?
Mein Weg begann vor vielen Jahren, als ich an einer Mittelschule in den USA unterrichtete. Damals erlebte ich immer wieder, wie kluge und neugierige Kinder schon früh zu dem Schluss kamen, sie seien nicht intelligent. Dabei hatten sie keine Schwierigkeiten, weil sie nicht lernen konnten. Sie hatten Schwierigkeiten, weil das System noch nicht wusste, wie es sie am besten beim Lernen unterstützen konnte.
Aus dieser Erfahrung entstand die Frage, die meine gesamte berufliche Laufbahn geprägt hat:
Wie würde Bildung aussehen, wenn wir bei den Stärken eines Kindes ansetzen würden statt bei seinen Schwächen?
Die Forschung in diesem Bereich ist beeindruckend und wird gleichzeitig viel zu selten genutzt. Wenn Lehrpersonen Zugang zu diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen erhalten und wissen, wie sie diese im Alltag anwenden können, verändert sich etwas Grundlegendes. Sie fragen nicht mehr: „Warum kann dieses Kind nicht lernen?“ Stattdessen fragen sie: „Was braucht dieses Kind?“
Ich habe erlebt, wie Schülerinnen und Schüler aufblühen, wenn sie endlich auf eine Weise lernen können, die zu ihnen passt und sie als Menschen respektiert. Das vergisst man nicht. Das vergisst man nicht. Und das ist keine kleine Veränderung, sondern etwas Grundlegendes.
Letztlich sind es die Kinder selbst und ihre Möglichkeit, sich als Lernende zu verstehen und innerhalb wie ausserhalb der Schule erfolgreich zu sein, die mich motivieren, diese Arbeit fortzuführen.
Unsere Geschichte wurde durch den Learner Variability Navigator von Digital Promise inspiriert. Kannst du erklären, was das ist und welches Problem damit gelöst werden sollte?
Der Learner Variability Navigator (LVN) ist ein kostenloses, wissenschaftlich fundiertes digitales Werkzeug. Er hilft Lehrpersonen sowie Entwicklerinnen und Entwicklern von Bildungstechnologien dabei, die vielen Faktoren zu verstehen, die das Lernen beeinflussen.
Der LVN bündelt Erkenntnisse aus verschiedenen Bereichen der Lernforschung, darunter Kognitionswissenschaft, Neurowissenschaften sowie Forschung zu sozialen und emotionalen Kompetenzen. Diese Erkenntnisse werden in einer verständlichen und vernetzten Modell dargestellt.
Im Zentrum des LVN stehen Faktoren, die das Lernen beeinflussen, etwa Arbeitsgedächtnis, Motivation, soziales und emotionales Lernen, sprachlicher Hintergrund oder Stress. Der LVN zeigt, wie diese Faktoren zusammenhängen, und verknüpft sie mit konkreten Unterrichtsstrategien sowie Entscheidungen bei der Produktenwicklung. Der LVN wird von Digital Promise entwickelt. Unterstützt wird das Projekt fortlaufend von der Oak Foundation. Zu den ersten Förderern gehörten zudem die Chan Zuckerberg Initiative (CZI), die Overdeck Foundation und die Hewlett Foundation.
Kannst du uns mehr über deine Mitarbeit am Projekt mit dem Digital Museum of Learning erzählen? Was hat dich dazu motiviert, an der Geschichte „Gestalte einen Roboter, der lernt wie du!“ mitzuarbeiten?
Mich hat vor allem die Möglichkeit begeistert, Lernvariabilität greifbar zu machen. Nicht als abstraktes Forschungskonzept, sondern als etwas, das Kinder selbst entdecken, verstehen und für sich nutzen können.
Ein grosser Teil meiner Arbeit findet in Fachpublikationen, Forschungsmodellen und Weiterbildungsprogrammen statt. Dieses Projekt stellte eine andere und spannende Frage: Was passiert, wenn wir diese Ideen direkt in die Hände von Kindern legen?
„Gestalte einen Roboter, der lernt wie du!“ lädt Kinder dazu ein, fordert Kinder dazu auf, etwas Ungewohntes zu tun: nach innen zu schauen, das eigene Lernen ernst zu nehmen und sich eine Zukunft vorzustellen, in der Unterricht und Technologie auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind und nicht umgekehrt.

Gestalte einen Roboter, der lernt wie du!
Wenn ein Kind beginnt, diesen Roboter zu gestalten, baut es nicht einfach eine Maschine. Es zeigt damit: Meine Art zu lernen ist wichtig. Meine Bedürfnisse verdienen Aufmerksamkeit. Mein Gehirn ist es wert, verstanden zu werden. So wird Lernvariabilität lebendig und greifbar.